Promillereiches Wochenende

Promillereiches Wochenende

Ein langes und delikates Wochenende ist vorüber. Es startete hart mit drei sehr gehaltvollen Cocktails, ebbte etwas ab mit zwei leichteren Cocktails und fand seinen Ausklang in einem herrlichen Short Drink.

Ich fange aber erst einmal mit dem Freitag an, denn ich hatte tatkräftige Unterstützung bei der Bewältigung der kulinarischen Genüsse an diesem Wochenende. Am späten Abend ging es Richtung Hauptbahnhof, um meinen Besuch abzuholen, und dann weiter nach Prenzlberg. Jede Cocktailreise verlangt nach einer ausgiebigen Mahlzeit und wir starteten bei einem Asiaten im Stil der 50er Jahre. Das Umami hat leckeres Essen fern der üblichen roten, grünen und gelben Curries, eine superschöne Toilette und ganz viel tolle Deko.

Schon lange war ich nicht mehr im Immertreu und ich musste meinem Besuch ganz dringend die wunderbare Sammlung an Whiskys zeigen. Mir dürstete außerdem nach einem „Mother in Law“. Ein Drink, der von der Rezeptur eher auf zwei Portionen ausgelegt ist, was perfekt passte. Die Basis bildet ein hervoragender Noah’s Mill Bourbon mit stattlichen 57,15 % vol., gefolgt von kleinen Mengen Amer Picon, Orange Curaçao, Peychaud und Angostura Bitters und ein bisschen Maraschino Likör. Ein wunderbarer alter Cocktail, der mir ein Grinsen über beide Ohren ins Gesicht zauberte. Erst weil er so lecker war und dann weil das wirklich ein „bähm in your face“ Drink ist. Ich erinnerte mich an meinen Vorsatz mehr Champagner Cocktails zu trinken und blieb mit einem „French 75“ bei einem alten Cocktailrezept. Die Mischung aus Gin, Zitronensaft, Zuckersirup und Champagner kann man als sehr süffige Limonade bezeichnen und der Alkohol ist kaum spürbar auf der Zunge. Allerdings war ich nach den ersten beiden Cocktails soweit benebelt, dass ich mich partout nicht an meinen dritten Drink erinnern kann. Allerdings an den charmanten und perfekten Bartender. Ich bin ja ein großer Fan der fachlichen Kompetenz von Lukas und natürlich seinem smarten Äußeren. An diesem Abend hat er mich wieder mit seiner Professionalität und seinen Gastgeberqualitäten beeindruckt. Ich gab ihm eine Visitenkarte einer neuen Bar, die er interessiert entgegen nahm und mir das Gefühl gab, als hätte ich ihm was total Neues erzählt. Grinsend kam Ricardo vorbei und zeigte mir den bereits vorhandenen Stapel an Visitenkarten unter der Bar. Ich lobte daraufhin die souveräne Art seines Mitarbeiters. Das war einer der perfekten Barbesuche mit einem gepflegten Rausch. Bähm in your face! Lessons Learned: nicht mehr so harte Drinks gleich zu Anfang, auch wenn ich zuvor üppig gegessen hatte!

Nun, der nächste Tag startete gemütlich mit einem leichten Schwindel. Im Chicago BBQ Williams muss man doch tatsächlich reservieren. Was ich ganz schön affig finde, aber Berlin bietet unzählige kulinarische Highlights, so dass sich die Enttäuschung in Grenzen hielt. Mein absolutes Highlight der Barwelt ist, wer hätte es gedacht, das Buck & Breck und hier musste ich meinen Gast selbstverständlich hinbringen. Zumal wir bereits gemeinsam im Parlour gewesen waren und ich in epischer Breite meine Liebe zu beiden Bars ausgeführt hatte. Am Wochenende ist Gonçalo nicht da, womit ich aber mittlerweile leben kann. Wir klingelten kurz nach neun und es ging hinein in die bereits volle Bar. Ein bisschen stehen, dann gemütlich sitzen und diesmal für mich zwei „leichte“ Gin Drinks. Einen schönen Gin und Sherry Cocktail und meinen ersten „Pegu Club“. Gin ist für mich die alkoholfreie Alternative, weil ich davon nicht so schnell betrunken werde. Macht keinen Sinn, ist aber einfach so. Es gibt seit einiger Zeit einen neuen Bartender. Mateusz Swiercz hat eine angenehme, dezente und unaufgeregte Art und einen konzentrierten Blick bei der Zubereitung der Cocktails. Es war eine große Freude ihn zu beobachten. Bei ihm scheint der Cocktail im Vordergrund zu stehen und nicht die unangenehme Selbstdarstellung, die sich mir bei den jüngeren Bartendern öfter zeigt. Der Abend verlief harmonisch, entspannt und der Service wie immer perfekt. Frühzeitig, bzw. früher als am Vortag ging es nach Hause, um fit für den Breakfast Market in der Markthalle neun zu sein. Dort kann man lecker und üppig frühstücken und findet einen handgemachten schmackhaften Kräuterlikör KR/23 direkt aus Berlin. Wodka ist die Basis und dann erlebt man eine geschmackliche Reise durch 23 Kräuter und Gewürze. Ein schöner Abschluss nach dem Schlemmen und der Herr am Stand ist sehr kompetent.

Eigentlich (fängt schon gut an) war kein weiterer Barbesuch geplant. Ich brachte meinen Besuch zum Bahnhof und fuhr mit meiner neuen Berliner Bekanntschaft nach Wedding in die Uferhallen. Hier erwartete mich zunächst Kunst, aber dann überwiegte die Barleidenschaft. Bei der Berliner Bekanntschaft handelt es sich nämlich um den Herrn, den ich im Buck & Breck (irgendwie fängt hier alles mit B an) kennengelernt hatte, und der sich dann als Mitinhaber der Lost in Grub Street Bar entpuppte. Was also lag näher als das Wochenende mit einem feinen Muskatkürbis Jalapenos Short Drink ausklingen zu lassen. Nach den erlebnisreichen Tagen zuvor tat das dunkle und ruhige Ambiente im Lost gut, die blitzenden silbernen Elemente verbreiteten eine mondäne Stimmung, der Drink passte perfekt zu meiner Stimmung und so langsam gefällt mir das Konzept immer besser. Nicht, dass es mir nicht gefallen hatte, das wäre nicht richtig. Als klassischer Barliebhaber hatte es mich verwirrt, dass keine klassische Bar da ist, aber mittlerweile empfinde ich dies nicht mehr als fehlend. Der vorhandene Barwagen ist wunderschön, die Drinks ein neues Erlebnis und der Service ist unaufdringlich dezent. Ich hatte ja bereits das Thema Selbstdarstellung weiter oben erwähnt. Ich stelle so eine gewisse Genervtheit bei mir fest, wenn ich einige Bartender beobachte, aber darüber muss ich noch ein bisschen konkreter nachdenken, demnächst. Die Müdigkeit schlägt zu.

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